Projekt Virtuelle Pfeifenorgeln 

 

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Realismusbeurteilung von Orgelmodellen

Man kann es oft hören – und auch wir behaupten das -, nämlich dass Samplelesets in Verbindung mit einem Software Sampler einen hohen Grad an Realismus erreichen. Dies bedeutet, dass das Orgel-„Modell besonders für das Reproduzieren der Eigenschaften und des Klanges von Pfeifenorgeln programmiert ist um damit zu einer sehr viel höheren Realitätstreue zu gelangen“ (ein Zitat von M. Dyde Webseite). Der Grad an Realismus der besten Sonus Paradisi Samplesets ist so hoch, dass er die Unterscheidung von virtuell oder original erstellten Aufnahmen sehr schwer macht.

Doch der Begriff Realismus muss klarifiziert werden: Was für einen Realismus erreicht das Orgelmodell? Wie wir sehen werden, ist das Realismus-Konzept sehr vage. Eine Orgel ist: 1) niemals in perfekten Zustand 2) verändert sich im Laufe der Zeit 3) ihre Klangwahrnehmung variiert im Raum.

1) Es gibt eine große Anzahl an Stimmungs-, Intonationsfehlern, manchmal liegen auch mechanische Probleme vor, das Gebläsegeräusch ist lauter als man es sich wünschen würde und die Geräusche sämtlicher Orgelteile sind ein Problem. Dennoch sind diese Eigenschaften, natürlicherweise, sehr echt. Bedeutet das, dass das Orgelmodell dies alles genau reproduzieren sollte? Oder, bis zu welchen Grad sollte dies reproduziert werden, um realistisch zu wirken? Sollten wir diese Fehler nicht „korrigieren“ um zu einem idealen Status des Instruments zu kommen? Wissen wir wirklich wie dieser Idealzustand sein soll? Diese Fragen haben keine universelle Antwort, folglich ist das Realismuskonzept des Orgelmodells vage.

2) Die Orgel unterliegt im Laufe der Zeit dem Verfall oder auch der Verbesserung. Ihr Klang ist also nicht konstant. Es wird auch behauptet, dass es jedesmal wenn man eine Taste niederdrückt ein wenig anders klingt. Das trifft besonders für einen längeren Zeitraum zu. Um das darzustellen bräuchte man eine unendliche Zahl an Samples. Sonus Paradisi versucht diesem Problem durch mehreren Samples pro Pfeife, die Hauptwerk bei Tastendruck zufällig abspielt, zu begegnen. DieVariabilität des Klanges wird so aufrechterhalten. Doch die Anzahl der Samples ist immer noch endlich.

Auch die Eigenschaften der Kirchenakustik verändern sich im Laufe der Zeit stark (Winter, Sommer, Änderungen der Einrichtung, Gemälde usw.) Deshalb kann man noch nicht einmal mehr behaupten, dass die Raumakustik originalgetreu festgehalten wurde, da man gewissermaßen nur einen "Moment" der akustischen Verhältnisse festhalten kann. Zu welchem Grade steht einem zu zu behaupten, dass Orgelmodell würde einen hohen Grad an Realismus haben? Eine Antwort dieser Fragen könnte lauten, dass das Orgelmodell nur den Zustand des Instruments, als es gesampelt wurde, festhält. Wenn wir also ein Instrument am 27. Oktober 2006 aufnehmen, wird unser Orgelmodell dem Klang dieses Instruments an dem Datum sehr nahe kommen. Doch, wie viele fragen, worin liegt das Ziel beim Reproduzieren eines Instruments im Zustande eines bestimmten Datums, was in historischer Perspektive absolut unbedeutend ist? Sollte das Modell nicht, wie schon angesprochen, einen Idealzustand des Instruments in seiner Geschichte darstellen?

3) Der Höreindruck eines Instruments variiert mit dem Ort von dem man es hört. Es verhält sich wie mit dem Sehen aus unterschiedlichen Positionen. Aus verschiedenen Perspektiven sieht es stets anders aus. Deshalb wird man wenn man ein Instrument von einer bestimmten Position aufnimmt, unabhängig von der Anzahl der Aufnahmekanäle nur eine bestimmte "Perspektive" des Klanges festhalten können. Wie kann man dann sagen, dass dieses Orgelmodell die original Raumakustik genauestans wiedergibt? Oder sollten wir nach der Idealposition, wo der Klang am besten ist, suchen? Ist uns denn diese Position wirklich bekannt, welcher Höreindruck eines bestimmten Instruments ist der beste?

Ergänzend zu diesen trivialen Überlegungen, gibt es andere Eigenschaften einer Orgel, die von einem Modell nicht genau reproduziert werden können, z.b. wird oft behauptet, dass die Pfeifen sich gegenseitig beeinflussen, was einen neuen Höreindruck produziert. Also klingt ein Prinzipal 8' wenn er allein erklingt anders als wenn noch andere Pfeifen mit ihm erklingen. Das wird "Kopplung" genannnt, doch der Begriff könnte ungenau sein. Ein Deutscher Experte schreibt: "Nehmen Sie z.B. auf einem Manual einen Principal 8' Ton auf, wird dieser in Zukunft immer so wiedergegeben [in einem digitalen Modell]. Spielt man aber bei einem guten historischen Instrument diesen benannten Ton und ergänzt dann einen Ton z.B. im Pedal, dann verändert dieser hinzutretende Ton bereits den vorhandenen Ton im Principal 8'." (ein Zitat eines Briefes an mich). Das ist tatsächlich der Fall, und ist digital nicht reproduzierbar, da die Samples unabhängig voneinander arbeiten. Ein komplexes Windmodell (wie in Hauptwerk) kann in verschiedenen Aspekten sehr gute Ergebnisse erzielen, doch nicht alle Phänomene haben ihren Ursprung im Windmodell. Die Frequenzen der Pfeifen beeinflussen sich gegenseitig. Ein gutes Beispiel wie sich die Pfeifen gegenseitig beeinflussen ist das Beispiel Nr. 5 meines Authentizitäts Quiz

Hören Sie sich den Anfang des Stückes an. Hier hört man einen F-dur Akkord und nach wenigen Augenblicken tritt ein hohes C dazu. Hören Sie sich dieses hohe C in allen Beispielen des Quizes an. Es ist unglaublich, wie die Pfeifen sich in der echten Aufnahme gegenseitig beeinflussen. Es scheint, als ob sie miteinander kämpfen würden, ihre Frequenzen versuchen vergeblich zu einer Harmonie zu kommen. Ihre Töne scheinen "sich gegenseitig zu umgehen", was ein starkes Schweben verursacht. Dieses Schweben hat keine linear- oder sinusförmige Charakteristik, was bei 2 konstanten Frequenzen, die sehr nahe beieinander schwingen der Fall ist. Die Frequnezen von Pfeifen verändern sich durch das "Ziehen" der anderen Pfeife. Ich nehme an, dass dieses Verhalten eine chaotischen "Kissen" Form hat. Dieser Effekt kann mit 2 unabhängigen Samples nicht reproduziert werden, was sich in den korrespondierenden Aufnahmen mit Hauptwerk zeigt. Die Bemerkung eines Organologen dazu: Ich habe ernsthaften Zweifel, ob dieses und ähnliches Verhalten sich wirklich auf die eingebaute Windlade zuschreiben lässt. Einge Organisten argumentieren, dass dieser Effekt nur bei Windladen mit Tonkanzellen auftritt. Wie einige andere meinen, ist dies fragwürdig. Wahrscheinlich ist es einfach einer der organologischen "Mythen", die man oft in diesen Kreisen zu hören bekommt. Ich denke, dass das mehr mit der produzierten Oszillation, die die andere Pfeife anregen oder "ziehen" zu tun hat, als die Tatsache, dass die Pfeifen auf demselben Windkanal stehen. Doch dies ist nur eine Hypothese, die ich jetzt nicht überprüfen kann.

Auch der Nachhall einer kurzen "staccato" Note ist ein bekanntes Problem. Dies kann mit einem sogenannten "impulse response" Nachhall-Modell reproduziert werden oder mit multiple release samples, doch es ist immer nur eine Annäherung und andere Probleme kommen auf. Dabei muss man sich natürlich die Frage stellen, wie wichtig diese Eigenschaften für den "Realismus" eines Orgelmodells sind. Die Antwort wird sich wieder am Grad der Annäherung orientieren. Und nochmal, diese theoretisch beschriebenen Eigenschaften repräsentieren einen gewissen "ideellen" Blick auf das Verhalten einer Orgel, das sich in der Praxis anders verhält.

Eine Schlussfolgerung

In dieser Erklärung verwendeten wir den Begriff "ideal" oft. Gewiß spiegeln viele Eigenschaften unserer Samplesets den "Idealzustand" eines Instruments zum Teil wieder. Dies ist erforderlich, da kein Nutzer Ungenauigkeiten und Fehler hören möchte, nur weil das gesampelte Instrument sich an einem bestimmten Tag in diesem Zustande befunden hat. Es ist auch in der Hinsicht praktisch, da das Reproduzieren vieler Eigenschaften (besonders die mit chaotischen und unberechenbaren Verhalten) einen enormen Aufwand fordern würde, während ihr Beitrag zum Modell kontrovers oder unbedeutend ist. Der Sampleset-Produzent hat für den Realismus des Modells Grenzen zu finden.

Ist die schwache Verbindung zur Realität nicht bemerkbar genug? Wenn unsere Modelle zu einer idealen Orgel mehr tendieren als zur echten, ist es dann nicht aufrichtiger von einem Grad an Idealismus als von Realismus zu sprechen? Klar, es klingt besser und attraktiver zu sagen, das Sampleset klingt realistisch als zu sagen, das Sampleset klingt ideal und dass ihre Eigenschaften nur Approximationen der echten Orgel sind.

Eine logische Folge: Liegen die Gründe für das Verwenden (und Mißbrauchen) des Begriffs "Realismus" in Verbindung mit Samplesets letztendlich nicht in rein kommerziellen Gründen, zum besseren Verkauf der Samplesets?